Kultur

“Die Frau von früher“ am Staatstheater Kassel

Von der Illusion der linearen Zeit


(Quelle: N.Klinger)
GDN - Mit “Die Frau von früher“ von Roland Schimmelpfennig bringt das Staatstheater Kassel ein Stück, das zwischen Farce und Tragödie pendelt, auf die Bühne. Die gelungene Inszenierung nimmt das Thema “Zeit“ unter die Lupe und wird vom Publikum mit viel Applaus bedacht.
Pop Art-Künstler Andy Warhol hatte es sich einst zur Angewohnheit gemacht, stets einen geöffneten Umzugskarton unmittelbar neben seinen Schreibtisch platziert zu haben, um Briefe, Rechnungen, Fotos und sonstige Dinge, die im Tagesverlauf durch seine Hände gingen, darin abzulegen. Am Ende des Monats wurde der Karton verschlossen, mit einer Nummer und Datum versehen und in einen Lagerraum geschafft.
“Time Capsules“ nannte der obsessive Sammler diese vollgestopften Kartons, von denen er insgesamt 612 hinterlassen hat. “Zeitkapseln“ - ein treffender Name für Hüllen, in denen die Zeit eingefangen ist. Warhol betrachtete die Kisten als sein externes Gedächtnis, das der täglichen Entlastung diente, da sie Erlebtes aus dem Blickfeld verbannten, es aber, falls erforderlich, konservierten und wieder zugänglich machten.
Time Capsules: Verpackte Zeit
Quelle: N.Klinger
Einige derartige Zeitkapseln prägen das eher minimalistische Bühnenbild bei der Inszenierung von “Die Frau von früher“ am Staatstheater Kassel. Sie sind Zeugnisse eines gelebten Lebensabschnittes. In siebzig Kartons sind neunzehn vergangene Ehejahre von Frank und Claudia sorgfältig verpackt. Ein Großteil befindet sich bereits in einem Container auf den Weg nach Übersee. Die Übrigen werden schon bald folgen, denn die Familie wird morgen umziehen. Wenn im Verlaufe der Handlung Inhalte dieser Kisten auf dem Bühnenboden entleert werden, gleicht das urbaner Archäologie. Die Akteure blicken auf Spuren der Vergangenheit. Souvenirs, Erinnerungsstücke, ausgedientes Kinderspielzeug, mitunter Dinge ohne jeden praktischen Wert kommen zum Vorschein.
Die Vergangenheit steht vor der Haustür
Quelle: N.Klinger
Während noch die letzten Kartons gepackt werden, klingelt es an der Tür. In die familiäre Aufbruchsituation dringt, plötzlich und unerwartet, die Vergangenheit ein. Romy Vogtländer, “die Frau von früher“, der Frank vor vierundzwanzig Jahren geschworen hatte, sie ewig zu lieben, steht im Hausflur. Die Tatsache das mittlerweile Jahre vergangen sind, Frank verheiratet ist und einen Sohn hat, ergibt angesichts der Absolutheit des Adjektivs “ewig“ für die einstige Geliebte keinen Sinn. Trotz aller - teils halbherziger - Bemühungen, die unerwünschte Romy aus der Wohnung zu befördern, gelingt es dieser, immer tiefer in das Leben der Kleinfamilie einzudringen. Die Vergangenheit macht der Gegenwart den Platz streitig.
2004 wurde das Stück von Roland Schimmelpfennig, einer der meistgespielten deutschen Gegenwartsdramatiker, dessen Werke auch internationale Beachtung finden, uraufgeführt. Seine Stücke beinhalten oftmals surreale Momente und Figuren, die ihre jeweilige Rolle überschreiten und an das Publikum adressiert, von sich selbst berichten. Derartige Elemente enthält auch die “Frau von früher“, ein Stück bei dem das Publikum, mittels Zeitsprüngen oder durch die Figur der Tina, die als eine Art Botin fungiert, immer wieder in Distanz zum Spiel auf der Bühne gesetzt wird.
Karges, aber wirkungsvolles Bühnenbild
Quelle: N.Klinger
Johannes Schütz, der vor allem als Bühnenbildner internationales Ansehen genießt, hat Schimmelpfennigs Stück für das Staatstheater Kassel inszeniert und auch das dazugehörige Bühnenbild gestaltet. Die Handlung entfaltet sich auf einem schmalen weißen Wohnungsflur. Im Zentrum der Inszenierung steht der Text - die Sprache der Akteure. Es werden nur wenige Requisiten genutzt, diese aber mit viel Liebe zum Detail und äußerst präzise eingesetzt.
Dem Inhalt des Stückes, in dem sich Zeitebenen überlagern, entsprechend, wird auch die Handlung nicht streng chronologisch erzählt, sondern es wird mit zahlreichen Zeitsprüngen gearbeitet. Das lineare Denken gerät somit nicht nur für die Akteure auf der Bühne ins Wanken und wird als Illusion enttarnt, sondern auch für die Zuschauer. “Menschen, die wie wir an die Physik glauben, wissen, dass die Unterscheidung zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft nur eine besonders hartnäckige Illusion ist.“ (Albert Einstein)
D. Bach glänzt mit nuanciertem Spiel
Quelle: N.Klinger
Schauspielerisch kann das Ensemble überzeugen. Dieter Bach (Frank) veranschaulicht fabelhaft die allgegenwärtige Überforderung, der sich seine Figur ausgesetzt sieht. Er lacht lautstark “¦ und doch voller Verunsicherung. Er wirkt hilflos, wenig zielstrebig und auch schlicht feige. All das bringt Dieter Bach durch sein nuanciertes Spiel glänzend zum Ausdruck.
Claudia (C. Weiser) neben Andis Zeichen
Quelle: N.Klinger
Christoph Förster (Andi, Franks Sohn) spielt einen poetischen, manchmal gedankenlosen, Schwärmer, der sich seines Platzes in der Welt nicht sicher ist. Ihm bleibt nichts, als den anstehenden Umzug, zähneknirschend und weitestgehend unbeteiligt, hinzunehmen. Selbst sein Bett wird ihm streitig gemacht. Um sich seiner selbst gewiss zu sein, hinterlässt er Zeichen (Graffitis). “Wer das sieht, weiß, dass ich da gewesen bin.“ Andi will Spuren hinterlassen, die sein Vater sogleich mithilfe der Malerrolle verbergen möchte. Doch die Versuche scheitern kläglich. Die zurückgelassenen Zeichen kommen immer wieder zum Vorschein.
Romy (C. Dietrich) dringt in Franks Leben ein
Quelle: N.Klinger
Während den beiden männlichen Figuren in ihrem Leben Dinge scheinbar fortwährend passieren, versuchen die Frauen ihr Schicksal zielgeleitet und aktiv in die Hand zu nehmen. Caroline Dietrich (Romy, die Frau von früher) umgibt zunächst noch eine unschuldige, naive und psychisch labile Aura. Doch die scheinbare Hilfsbedürftigkeit, die sich nach einem Unfall noch verstärkt, weicht rasch und unaufhaltsam einer geheimnisvollen Kälte.
Eindrucksvolle Monologe: Sabrina Ceesay
Quelle: N.Klinger
Christina Weiser (Claudia, Franks Frau), die anfangs noch sentimental auf die zu verpackenden Erinnerungsstücke blickt, verwandelt sich zu einer hysterischen, eifersüchtigen Ehefrau, die eindeutige Handlungen und Stellungnahmen von ihrem Mann einfordert. Sabrina Ceesay (Tina, Andis Freundin), die auch als Erzählerin fungiert und sich mit aufwühlenden und bewegenden Monologen unmittelbar an das Publikum wendet, leidet unter der bevorstehenden Trennung von Andi. Ihr läuft die Zeit förmlich davon, wogegen sie, rastlos, voller Entsetzen und doch vergeblich, anzurennen versucht.
Das Publikum ist, ebenso wie die Figuren auf der Bühne, während der 90 Minuten einem Wechselbad der Gefühle ausgesetzt. Eine anfängliche, höchst unterhaltsame, Farce geht zusehends in eine Tragödie über. Im Verlauf des Stückes entgleiten Gewissheiten - Wahrheiten beunruhigen, Perspektiven wechseln. Überaus klug nimmt Schimmelpfennig das Phänomen Zeit, das wir gerne in Uhren, Kalendern, Fotoalben oder Umzugskartons verpacken, es in das Unbewusste verdrängen oder schlicht vergessen, in den Fokus. Die eindringliche und hintergründige Inszenierung erntet viel Applaus vom Publikum im gut besuchten Schauspielhaus.

weitere Informationen: https://www.staatstheater-kassel.de

Für den Artikel ist der Verfasser verantwortlich, dem auch das Urheberrecht obliegt. Redaktionelle Inhalte von GDN können auf anderen Webseiten zitiert werden, wenn das Zitat maximal 5% des Gesamt-Textes ausmacht, als solches gekennzeichnet ist und die Quelle benannt (verlinkt) wird.