Kultur

PAPARAZZI!

FOTOGRAFEN, STARS UND KÜNSTLER


Jean Pigozzi: Mick Jagger & Arnold Schwarzenegger (Quelle: Centre Pompidou,Musée National d“™Art Moderne,Pa)
GDN - Die Kamera als ständiger Begleiter: Die Schirn Kunsthalle Frankfurt zeigt ab dem 27.Juni 2014 die bislang umfassendste Ausstellung zum Phänomen und der Ästhetik der Paparazzi-Fotografie in Deutschland.
Sébastien Valiela: Paris Hilton & Britney Spears
Quelle: Eyewitness Collection
Mit “Paparazzi! Fotografen, Stars und Künstler“ präsentiert die Schirn Kunsthalle Frankfurt ab dem 27. Juni 2014 die bislang umfassendste Ausstellung zum globalen Phänomen und der Ästhetik der Paparazzi-Fotografie in Deutschland. Rund 600 Arbeiten und Dokumente spüren der ungebrochenen Faszination für Starfotografie nach und spiegeln zugleich ihren Einfluss auf die Bildende Kunst und die Modefotografie wider. Gezeigt werden “Ikonen“ der Paparazzi-Fotografie, die sich fest in das Bildgedächtnis eingebrannt haben, darunter Jackie Kennedy-Onassis beim scheinbar ungezwungenen Spaziergang durch Manhattan, Lady Di auf der Flucht vor dem Blitzlichtgewitter oder die jüngeren “Lieblinge“ der Paparazzi wie Paris Hilton oder Britney Spears.
Richard Avedon: Suzy Parker & Mike Nichols
Quelle: The Richard Avedon Foundation
Neben Arbeiten der berühmtesten Vertreter der Paparazzi-Fotografie wie Ron Galella, Pascal Rostain und Bruno Mouron oder Tazio Secchiaroli zeigt die Überblicksausstellung künstlerische Positionen u. a. von Cindy Sherman, Gerhard Richter, Andy Warhol, Barbara Kruger, Paul McCarthy und Richard Avedon, die in kritischer Auseinandersetzung die spezifischen Charakteristika der Paparazzi-Ästhetik ausgelotet und ergründet haben. Konzipiert und organisiert vom Centre Pompidou-Metz erzählt die Ausstellung anhand von Fotografien, Videos, Gemälden, Skulpturen, Arbeitsgegenständen, Dokumenten u. v. m. Geschichten aus über 50 Jahren Paparazzi-Fotografie und nimmt den Paparazzo dabei selbst ins Visier.
Die in drei Kapitel gegliederte Präsentation legt den Fokus auf eine zu gleichen Teilen bewunderte wie gefürchtete Berufsgruppe, die durch das zumeist heimliche Verfolgen und Belauern berühmter Persönlichkeiten ihre Existenz sichert und die Boulevardmedien zu einem der umsatzstärksten Bereiche im Pressesektor gemacht haben - immer auf der Suche und mit dem Ziel, Ungeahntes, vermeintlich Vertrauliches und Privates exklusiv zu veröffentlichen. Dabei offenbart die Ausstellung auch die komplexen Beziehungen und Abhängigkeiten, die sich mitunter zwischen Star und Fotograf entwickeln.
“Paparazzi-Fotografie stellt seit ihrem Beginn in den 1960er-Jahren das Verhältnis zwischen Privatheit und Öffentlichkeit in Frage und übt einen maßgeblichen Einfluss auf die Ästhetik der zeitgenössischen Kunstproduktion aus. “šPaparazzi!“˜ gestattet einen intensiven Blick auf die Personen hinter der Kamera - ihre Impulse, Ästhetik und Technik -, aber auch auf die Rezeption der Öffentlichkeit und deren unstillbares Verlangen nach immer neuen Bildern und exklusiven Nachrichten“, so Max Hollein, Direktor der Schirn Kunsthalle Frankfurt.
Die Geburtsstunde des heutigen “Paparazzos“ ist das Jahr 1960, als in Federico Fellinis Film “La Dolce Vita“ ein Fotoreporter namens “Paparazzo“ auftritt, der Regisseur die Begriffsherkunft jedoch im Unklaren lässt. Geläufig sind verschiedene Versionen, darunter jene, dass Fellini die beiden italienischen Worte “pappataci“ (kleine Mücke) und “ragazzo“ (kleiner Junge) zu einem neuen Kunstwort verschmolz oder dass er seine Inspiration aus einem viktorianischen Reisebericht von 1901 bezog.
Ungeachtet der Tatsache, dass der Fotograf namens Paparazzo im Film selbst nur eine Nebenrolle spielt, sind Figur und Begriff zu einem Synonym für aufdringliche und grenzüberschreitende Boulevard-Fotografie geworden. Es ist diese Art der Fotografie, die Menschen fasziniert und anzieht, der Sehnsucht nach dem Starkult ein Gesicht gibt und die Teilhabe am Leben anderer ermöglicht - unter der Inkaufnahme, dass private oder intime Situationen keine solchen bleiben.
Anita Ekberg beim Verlassen des Flugzeugs, 1959
Quelle: Collection Michel Giniès
Die dreiteilige Ausstellung in der Schirn eröffnet den Rundgang mit der Installation “Interview (Paparazzi)“ (2000) von Malachi Farrell. Unter lautstarken Rufen und eindringlichem Blitzlichtgewitter schreiten die Besucher über einen roten Teppich, der Teil des Kunstwerks ist. Ergänzt durch eine Reihe von Fotografien von Frank Perrin, die eine jagende Horde von Paparazzi im Gegenlicht zeigt, wird der Betrachter zum Star erhoben und das Gefühl, im Fokus der Paparazzi zu stehen, wird real und unmittelbar erlebbar.
Der erste Abschnitt der Präsentation mit dem Titel “Fotografen“ widmet sich dem Handwerk der Paparazzi, ihrer öffentlichen Wirkung und verdeutlicht die Entstehung eines modernen Mythos. Im Zentrum steht unter anderem eine Reihe historischer Aufnahmen, Schwarzweißaufnahmen, die den Erfindungsreichtum der Paparazzi bei ihrer oftmals ebenso delikaten wie riskanten Arbeit dokumentieren: darunter Fotografen, die sich in schwindelerregende Höhen begeben, oder solche, die ihre Kameras auf abgesägte Gewehrstümpfe schrauben, um das eine entscheidende Motiv zu schießen.
Bruno Mouron: Kate Moss während der Fashion Week
Quelle: Bruno Mouron/Agence Sphinx
Neben Fotografien von Francis Apesteguy, Tazio Secchiaroli, Michel Giniès, Marcello Geppetti, Jessica Dimmock und Christophe Beauregard finden sich hier auch Aufnahmen des französischen Paparazzi-Duos Pascal Rostain und Bruno Mouron. Darunter ihr legendäres Bild einer Gruppe streikender Fotografen vor der Wohnung Brigitte Bardots, die sich mit Protestschildern darüber beschweren, dass die Schauspielerin 1955 noch die Nähe der Paparazzi suchte, sich jedoch 10 Jahre später den Kameras vehement verweigerte.
Auch die kreative und teilweise skurrile Ausrüstung der Paparazzi kann man in der Schirn besichtigen: u. a. spezielle Teleobjektive, Verkleidungen und Tarnanzüge sowie vermeintliche Alltagsgegenstände wie Handtaschen und Zigarettenpackungen, mit denen in Agentenmanier heimlich Fotos gemacht werden können. Die Sektion thematisiert auch den starken Konkurrenzdruck der Paparazzi untereinander, den Neid und die Missgunst, die sich zwangsläufig unter “Kollegen“ einstellen, die um exklusive Fotos kämpfen, die ihnen nicht nur finanzielle Anerkennung bringen, sondern sie im besten Fall zu Legenden machen.
Anhand eines in Los Angeles entstandenen Videos von Romain Dussaulx und Benjamin Lalande aus dem Jahr 2006 dokumentiert die Ausstellung, was es heißt, als Paparazzo zu arbeiten und welche Mentalität dieser Berufsstand erfordert. In der öffentlichen Wahrnehmung gelten Paparazzi oft als skrupellose, Grenzen überschreitende Charaktere, selbst untereinander bezeichnen sie sich als “Ratten“ (Pascal Rostain) oder “Schakale“ (Francis Apesteguy).
Die Faszination für diesen Berufsstand, auch wenn diesem nicht die gleichen Ehren wie Kriegsreportern oder Modefotografen zuteilwerden, ist jedoch ungebrochen. Ausschnitte aus Filmen von Dario Argento, Federico Fellini, Brian De Palma oder Andrzej Zulawski aus den Jahren 1930 bis 2004 skizzieren Vorstellungen vom Wesen und Charakter des Paparazzos und ermöglichen den Besuchern eine direkte Auseinandersetzung mit dem Mythos Paparazzi. Gleichzeitig werfen die Filmsequenzen Fragen zur meist einseitigen Darstellung dieses Berufstandes auf.
Daniel Angeli: Elizabeth Taylor in Gstaad, 1979
Quelle: Collection Cécile Angeli
Mit dem zweiten Kapitel “Stars“ illustriert die Ausstellung, wie sich die Aufmerksamkeit der Paparazzi alle paar Jahre auf ausgewählte besondere Persönlichkeiten konzentriert. Der Beruf des Paparazzos ist im Wesentlichen eine männliche Domäne. Seine Opfer jedoch sind bevorzugt weibliche Stars. Anhand der Geschichten von sechs weltweit bekannten Ikonen der Paparazzi-Fotografie - Jackie Kennedy-Onassis, Brigitte Bardot, Elisabeth Taylor, Prinzessin Diana, Britney Spears und Paris Hilton - von den 1960er-Jahren bis heute wird aufgezeigt, wie sich Stil und Tendenzen dieser Fotografie im Laufe ihrer fünfzigjährigen Geschichte verändert haben.
Pascal Rostain und Bruno Mouron Madonna 2
Quelle: Pascal Rostain und Bruno Mouron/Agence Sphinx
Der Ausstellungsabschnitt präsentiert eine umfangreiche Auswahl von Aufnahmen der berühmtesten Paparazzi des 20. Jahrhunderts - darunter Daniel Angeli, Francis Apesteguy, Ron Galella und Marcello Geppetti, außerdem Bruno Rostain und Pacal Mouron bis hin zu Erich Salomon, Tazio Secchiaroli, Sébastien Valiela und Weegee -, die höchst unterschiedliche Herangehensweisen verfolgen, um zum besten Schuss zu kommen und die mit ihren vermeintlichen Opfern teilweise Freundschaften oder zumindest langjährige Hasslieben pflegen.
Denn in dem Katz-und-Maus-Spiel zwischen Paparazzi-Fotografen und Stars sind Letztere nicht nur passive Opfer. Bei jedem Zusammentreffen mit den Bildjägern haben sie die Wahl, mit ihnen zusammenzuarbeiten und sich entsprechend fotografieren zu lassen, sich zu verweigern oder sogar zum Gegenangriff überzugehen. Dieses Zusammenspiel spiegelt sich u. a. stimmungsvoll in einer Reihe von Fotografien aus dem Archiv Ron Galellas, der als Urvater der amerikanischen Paparazzi-Fotografie gilt.
Paul Schmulbach: Marlon Brando und Ron Galella
Quelle: Ron Galella, Ltd
Neben Bildern einer vom Wind zerzausten und in die Kamera lächelnden Jackie Kennedy-Onassis, die ihn später wegen Stalkings verklagte und einen gerichtlich festgelegten Mindestabstand erwirkte, zeigt der Abschnitt auch skurrile Bilder, z. B. das von Marlon Brando, dem sich Galella mit einem American-Football-Helm nähert - die Konsequenz eines gebrochenen Kiefers und ausgeschlagener Zähne in einer vorangegangenen Begegnung der beiden.
Brad Elterman: Iggy “No Photos“ Pop, 1978
Quelle: Brad Elterman Collection
Doch den meisten Stars reichen Gestik und Mimik, um ihren Unmut den Paparazzi gegenüber auszudrücken, darunter Kate Moss, die dem Franzosen Pascal Mouron die Zunge herausstreckt, oder Iggy Pop, der mit einer obszönen Handgeste keinen Zweifel daran lässt, was er von Musiker-Paparazzo Brad Elterman hält. Jenseits solcher Gebärden lassen sich Stars zuweilen auch auf das Spiel mit der Kamera ein. Eine Variante, die besonders bei jüngeren Hollywoodstars wie Paris Hilton geschickt zur Selbstvermarktung genutzt und durch Agenten und Publizisten weiter vorangetrieben wird, die Tipps zu den Aufenthaltsorten oder Gewohnheiten ihrer “Schützlinge“ preisgeben und diese damit bewusst zur Zielscheibe der Paparazzi machen.
Der dritte Teil der Präsentation ist den Künstlern gewidmet. Die spezifischen Arbeitsumstände der Paparazzi produzieren eine ganz eigene Ästhetik, die von der Kunstwelt regelmäßig übernommen und thematisiert wird. So haben Eile und Improvisation in der Bildfindung Auswirkungen auf die Komposition. Der Star, der sich schützend die Hand vor das Gesicht hält oder obszöne Gesten in Richtung Kamera macht, ist heute Sinnbild medialer Übergriffigkeit.
Seit den 1960er-Jahren hat diese Ästhetik zahlreiche Künstler von der Pop-Art bis hin zu zeitgenössischen Strömungen inspiriert, darunter Richard Hamiltons Arbeit “Release“ (1972), die auf ein Paparazzo-Foto in einer britischen Tageszeitung zurückgeht und Mick Jagger in Handschellen auf dem Weg zum Gericht zeigt - ein ursprünglicher Schnappschuss, der seine Signifikanz auch nach über 40 Jahren nicht verloren hat und bis heute als Inbegriff der Swinging Sixties gilt.
Durch die Verwendung des Teleobjektivs aus der Ferne und des Blitzlichts aus der Nähe ergibt sich ein Verflachungseffekt, mit dem Künstler spielen; hinzukommen absichtliche Unschärfe oder Überbeleuchtung. Diese ästhetischen Merkmale lassen die heute ikonischen “Untitled Film Stills“ (1977-1980) Cindy Shermans wie aus dem Hinterhalt aufgenommene Paparazzi-Fotos wirken lassen, in denen sich die Künstlerin im Stil der 1950er-Jahre inszeniert und gleichzeitig die Rolle des Künstlers als Star sowie die Konstruktion weiblicher Identität hinterfragt.
Alison Jackson Bush with Rubik's Cube
Quelle: Alison Jackson collection
Seit den Anfängen der Paparazzi-Fotografie sind Künstler immer wieder von der Ästhetik der Starfotografien gefesselt: Richard Avedon und William Klein waren die Ersten, die sich diese für berühmte Bildstrecken in Modemagazinen zunutze machten. Es folgten zahlreiche weitere Künstler, darunter der Amerikaner Gary Lee Boas, die Britin Alison Jackson oder das österreichische Künstlerkollektiv G.R.A.M., das Stars nach Paparazzi-Art ablichtet.

Ihre Arbeiten kritisieren die Macht der Medien ebenso wie die Entgleisungen der Gesellschaft oder die Gier nach Nähe zu den Stars. Höhepunkte dieses Kapitels bilden die Werke bedeutender Künstler wie Gerhard Richter, Andy Warhol, Paul McCarthy, Barbara Kruger, Juergen Teller, Thomas Demand oder Jonathan Horowitz, die die Gepflogenheiten der Boulevard-Magazine und der Regenbogenpresse beleuchten, indem sie deren reißerische Aufmachung, banalen Inhalt sowie effektbetontes Layout künstlerisch hinterfragen.
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